Pferd 4

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Sicherheit durch Nähe

Berührung bedeutet für Pferde auch Geborgenheit. Eine Pferdeherde in der Natur rückt bei Gefahr eng zusammen. Das Gefühl, daß die anderen Pferde ganz nah sind, gibt ihnen Sicherheit. Darum sollte man auch nie ein Pferd allein halten! Es braucht die Berührung der anderen Pferde.

Auch das Streicheln durch den Menschen ist wichtig. Man kann Pferde mit Streicheln belohnen und beruhigen. Natürlich gehört das freundliche Wort dazu, aber das ist ja wohl selbstverständlich.

Viele Reitlehrer geben am Ende der Reitstunde das Kommando: “Zügel lang - Pferde loben!” Daraufhin klatschen alle Reitschüler den Pferden mit der Hand auf den Hals. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Pferde das als Lob empfinden. Ein leises Wort, eine streichelnde Berührung nach dem Absitzen wäre sicherlich besser.

Ähnlich verhält es sich mit dem “freundlichen Klaps” auf den Po, den manche Leute den Pferden geben. Ich glaube nicht, daß den Pferden diese Berührung angenehm ist.

Pferde sind sehr sanfte Lebewesen und können auch dem Menschen gegenüber zärtlich sein.

Sie selbst berühren sich niemals so: Jungpferde raufen und spielen miteinander, kämpfende Hengste beißen hart zu, und befreundete Pferde kraulen sich gegenseitig. Daß ein Pferd einem anderen einen “kameradschaftlichen Klaps” gibt, hat noch niemand gesehen!

Berührung als Lernhilfe

Berührt man ein Pferd zu stark oder gar schmerzhaft, so versucht es, dieser Berührung auszuweichen. Das gilt besonders für die Berührung mit der Gerte. Dieses Ausweichen kann man sich bei der Ausbildung von Pferden zunutze machen. Die Gerte sollte in der Pferdeausbildung nur dann eingesetzt werden, wenn man dem Pferd etwas erklären  möchte.

Ein Beispiel: Das Pferd soll ein bestimmtes Bein vorsetzen, vielleicht das linke Vorderbein. Also berührt der Ausbilder das linke Vorderbein hinten am Fesselgelenk mit der Gerte - und automatisch wird das Pferd das Bein vorsetzen, um der lästigen Berührung zu entgehen. Dafür wird es gelobt und lernt so, daß es der Gerte ausweichen soll. Auf diese Art und Weise kann man dem Pferd später auch schwierige Lektionen wie beispielsweise Seitengänge beibringen. Pferde begreifen den Zusammenhang sehr schnell und daher ist die Gerte ein gutes Ausbildungsmittel, wenn sie vernünftig eingesetzt wird.

Daß Pferde der Berührung ausweichen, läßt sich beim Putzen feststellen: Beim Putzen treten gut erzogene Pferde zur Seite, wenn man sie auf der Hinterbacke berührt und “Geh rum!” dazu sagt. Ebenso heben sie auf das Kommando “Fuß” den Huf, wenn man sie am Fesselgelenk berührt. Vorausgesetzt , sie sind gut erzogen...

Erste Erfahrungen mit Menschen

Fohlen müssen als erstes Lernen, selbständig zu werden, nämlich das Halfter zu tragen und angebunden stehen zu bleiben. Im Gangpferdezentrum Aegidienberg im Siebengebirge bei Bonn lernen das alle Absatzfohlen gemeinsam an einem Tag, und zwar folgendermaßen:
Im Winter, wenn sie schon selbst fressen können, werden sie von ihren Müttern getrennt und gemeinsam in eine kleine Halle getrieben, die so eng ist, daß sie zwar alle hineinpassen, aber nicht herumrennen können. Diese erst Nacht ohne Mutter ist schlimm für die Kleinen, und sie wollen meist nicht fressen.

Morgens kommen die Ausbilder in die Halle und legen einem Fohlen nach dem anderen ein Halfter an. Die meisten Pferdekinder sind viel zu verblüfft und verängstigt, um sich zu wehren. Dann werden sie von zwei bis drei Helfern zum Ausgang bugsiert - oft mehr getragen, als daß sie selbst gehen. Direkt vor der Halle befindet sich ein langer Anbindebalken, an den jetzt die Fohlen nebeneinander angebunden werden. Das Anbinden geht ganz schnell, so daß die Kleinen es gar nicht so recht mitbekommen. Erst wenn sie vom Balken weggehen wollen, merken sie, daß sie angebunden sind - und dann müssen sie lernen! Manche Fohlen stemmen sich minutenlang mit aller Kraft ins Halfter, andere toben ein bißchen herum, wieder andere werfen sich auf den Boden. Die Menschen stehen dabei und tun gar nichts. Die Fohlen müssen selbst lernen, daß das zwickende Halfer sofort zu zwicken und drücken aufhört, wenn sie aufhören zu toben und zu ziehen.

Nach spätestens einer halben Stunde hat auch das ängstlichste oder aufsässigste Fohlen begriffen, daß ihm nichts passiert. Die Menschen schauen nur aus der Entfernung zu und passen auf, daß sich kein Fohlen ernsthaft verletzt. Dann dürfen die Kleinen gemeinsam ruhig in der Mittagssonne stehen. Erst wenn sie sich völlig beruhigt haben, kommen zwei oder drei Menschen und gehen langsam durch die Reihen der Fohlen und berühren jedes einzelne leise redend und freundlich. Die Kleinen machen die Erfahrung, daß Angebundensein nicht weh tut, wenn sie sich nicht wehren, und daß das Streicheln der Menschen angenehm ist. Denn die Menschen kraulen sie listigerweise genau dort, wo Pferde sich selbst nicht gut kratzen können - beispielsweise am Widerrist.

Müde und erschöpft haben die Fohlen nachmittags ihre erste sehr schwierige Lektion gelernt: Der Mensch ist stärker, Pferde müssen ihm nachgeben. Und sie haben diese Lektion gelernt, indem sie selbst herausfinden konnten, was für sie angenehm ist. Diese Erfahrung werden sie nie vergessen, und kluge Lehrer lassen Pferde immer nach diesem Schema lernen: daß sie Erfahrungen machen können, die für sie positiv sind!

Fohlen zieht am Strick

Das Fohlen probiert, ob es loskommen kann. Aber es ist fest angebunden und ergibt sich bald seinem Schicksal - es lernt, daß es angenehmer ist, wenn es nicht zieht.

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Fohlen am Halfter

Angebunden sein - das müssen Fohlen als erstes Lernen.

Wie Pferde lernen

Pferde lernen durch Erfahrung und in kleinen Schritten. Dazu muß man wissen, daß sie schwierige Zusammenhänge oft nicht auf Anhieb begreifen können. Sie benötigen viel Zeit, um was Neues richtig zu verstehen. Erst wenn sie die Erfahrung gemacht haben, daß eine neue Aufgabe gefahrlos zu bewältigen ist, haben sie wirklich was gelernt. Das muß man berücksichtigen, wenn man ihnen etwas beibringen will.

Tatsache ist, daß man sehr viel Erfahrung braucht, um ein Pferd erziehen zu können. Man muß mit sehr vielen Pferden gearbeitet und viel von ihnen gelernt haben, bevor man dran gehen kann, selbst auszubilden. Wahrscheinlich kennt ihr auch all diejenigen, die ihr “Pferd ausbilden”, ihm das “Springen beibringen” oder “dies und das abgewöhnen” - glaubt ihnen nicht! Die meisten von ihnen sind nur Angeber. Die wirklichen Reiter und Reiterinnen lernen von und mit den Pferden und sind nicht so arrogant, daß sie meinen, sie könnten den Pferden schon viel beibringen. Das kommt erst viel später.

Pferd beim Lernen auf dem Parkur

Eine Ausbilderin zeigt einem ängstlichen Pferd in aller Ruhe, daß die am Boden liegenden Reifen gar nicht so furchtbar sind.

Pferd beim Lernen auf dem Parkur

 

In kleinen Schritten zum Erfolg

Will man Pferden etwas beibringen, so muß man mit ganz einfachen Dingen anfangen, also beispielsweise mit dem Führen oder beim Reiten mit dem Schritt geradeaus. Einem Pferd, das bisher nur gelernt hat, unter dem Reiter im Schritt und Trab geradeaus zu gehen, kann man nicht das Springen beibringen, denn bis zum Springen sind es noch viele Ausbildungsstufen. Überspringt man sie, so begreift das Pferd nicht mehr, was es tun soll. Leider wissen viele Leute das nicht und bestrafen das Pferd dann ungerecht.

Ein richtig ausgebildetes Springpferd hat dagegen gelernt, im gleichmäßigen Takt zu galoppieren, dann über Stangen und Cavalettis zu gehen und später spielerisch über ein kleines Hindernis zu springen. Nach diesem einen Sprung wurde ausgiebig gelobt und in Ruhe gelassen, damit es das Gelernte erst einmal verarbeiten konnte . Nichts hat ihm weh getan, im Gegenteil, es bekam Lob! Ein Pferd mit solchen Erfahrungen springt natürlich viel gelassener und lieber als ein Pferd, das nur mit Zwang dazu gebracht wurde. Zum Lernen gehören Vertrauen und Zeit. Denn nur, wenn das Pferd dem Menschen vertraut und sich bei ihm sicher fühlt, kann es ihm überhaupt in Ruhe “zuhören” und sich auf ihn konzentrieren. Zeit braucht das Pferd zum begreifen. Es muß manchmal erst länger überlegen oder ausprobieren, bis es etwas begriffen hat. Hat es aber einmal etwas richtig verstanden, damm sitzt das für immer.

Die Sprache der Pferde

Pferde verständigen sich hauptsächlich durch Körpersrache, also nicht wie wir Menschen. Ihre Stimme setzen sie nur in Ausnahmesituationen ein. Hier müssen wir uns wieder daran erinnern, daß das Pferd von Natur aus ein Fluchttier und immer auf der Hut vor Gefahr ist. Eine laute Unterhaltung mit der Stimme könnte die Herde verraten. Also verständigen sich Pferde durch Verhaltensweisen, die jedes Fohlen von klein auf lernt.

Falabella

Die lautlose Kommunikation

Die Signale sind oft so fein, daß wir Menschen sie nicht wahrnehmen oder nicht verstehen; einige aber sind sogar Menschen klar, die nicht oft mit Tieren umgehen. Wenn beispielsweise ein Pferd richtig böse oder wütend ist, so ein Gesichtsausdruck ist ganz eindeutig: Nach hinten gelegte Ohren, mißmutig hochgezogene Nüstern, böse schauende Augen und manchmal sogar gebleckte Zähne.

Genauso begreifen wir, was es bedeutet, wenn sich ein Pferd umdreht und einem anderen seine Hinterhand zuwendet. Das heißt im Klartext: “Hau ab, oder es gibt Streit!” Wird dann noch ein Hinterhuf drohend gehoben, ist die Situation klar, und das bedrohte Pferd wird zur Seite gehen, wenn es keinen Ärger haben will.

Pferde Sprache hauab

Manchmal stehen Pferde aber auch Hinterhand an Hinterhand nebeneinander, und es passiert nichts. Dann senden sie sich feine Signale, die wir Menschen gar nicht auffangen können, und geben sich zu verstehen, daß sie sich freundlich gesinnt sind.
Pferde spüren also die Laune von anderen Pferden, ohne daß diese auch nur einen einzigen Laut von sich gegeben haben.

Genauso lautlos können sie Stimmungen blitzschnell auf andere Pferde übertragen, beispielsweise Warnung vor Gefahr oder Mißtrauen. Hat eine Herde eben noch ruhig gegrast, so heben dann plötzlich alle wie auf ein Kommando hin die Köpfe, hören auf zu kauen und schauen unruhig und mißtrauisch umher. Sie orientieren sich an dem Signal des Herdenführers und senken die Köpfe erst wieder, wenn sie sehen, daß der “Boß” sich entspannt.

Was Wiehern bedeuten kann

All das heißt aber nicht, daß sich Pferde überhaupt nicht mit der Stimme verständigen. Hengste rufen oft laut nach ihren Stuten, sie trompeten regelrecht. Manche Pferde wiehern rufend, wenn sie sich in einer fremden Gegend befinden. Dieses Wiehern bedeutet: “Ist hier jemand? Sind hier auch Pferde? Meldet Euch!” Andere wiehern leise und dunkel, wenn sie sich freuen. (So werde ich fast jeden Tag von meinem Pferd begrüßt). Besonders zärtlich ist der Ton, in dem Stuten ihren Fohlen zuwiehern. In Reitställen hört man dieses freudige Blubbern oft, wenn das Kraftfutter ausgeteilt wird. Manchmal wiehern Pferde sogar “ihrem Menschen” entgegen, wenn er kommt.

Richtiges Schreien hört man dagegen nur sehr selten - es ist der Ausdruck tiefsten Hasses, wenn beispielsweise zwei Pferde kämpfen. Wenn Pferde Schmerzen haben, leiden sie schweigend. Nur wenn der Schmerz fast unerträglich wird, stöhnen sie manchmal.

Jeder Hund würde laut jaulen, wenn man ihn mit der Gerte schlüge - Pferde müssen das schweigend erdulden. Könnten sie schreien, würden sie es sicherlich öfter tun! Wir müssen uns dessen immer bewußt sein und bei den Pferden auf andere Signale als auf ihre Stimme achten!

Besonders wichtig ist die Körperhaltung: Ein gesundes kraftvolles Pferd hat den Kopf hoch erhoben, die Ohren spielen rundum, der Gesichtsausdruck ist lebhaft. Ein krankes erschöpftes Pferd dagegen läßt den Kopf hängen, es steht kraftlos da und nimmt an seiner Umwelt kaum noch Anteil. Es kann nicht sagen, daß es krank ist - das drückt es mit seiner Körperhaltung aus. Und wir Menschen, die wir mit Pferden umgehen, müssen lernen, ihre Körpersprache so gut wie möglich zu verstehen.

Pferd mit Hufrehe
Kári freut sich über das Lob

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